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Als mich vor zwei Tagen mein alter Freund Carsten Friedrichs, der mittlerweile bei Tapete Records in Lohn und Brot steht, anrief und mich fragte, ob ich Lust hätte, ein paar Worte zum neuen Album der Fehlfarben zu verfassen, sagte ich ohne eine Sekunde zu zögern zu. Eine Ehre, selbstverständlich. Meine letzte Begegnung mit den Fehlfarben liegt zwei Jahre zurück. Ich durfte sie live bei einem Festival erleben und war von ihrem eigenen, spezifischen Auftreten begeistert. Inmitten all der zwischen Publikumsanimationen und eitel zur Schau getragenen Pseudo-Verrücktheiten oszillierender Musiksoße eines Festivalsommers waren sie so angenehm, so anders, so eigen und emanzipiert.

Das neue Album Xenophonie klingt ungemein frisch. Beim Opener „Dekade 2“ haut den Hörer zunächst ein Wahnsinns-Riff um; kurze Zeit später erklingt Peter Heins Stimme mit eben jenem unschwer wiedererkennbaren Ausdruck, diesem Gesang, den nur er beherrscht: dringlich-konkret und doch voller Poesie und Melancholie. Dieser Mann ist vermutlich gar nicht in der Lage, banal oder belanglos zu klingen. Mit diesem ersten Stück des Albums, mit seinem wunderbaren und kurzen Text hat die Band nach 2 Minuten und 21 Sekunden bereits alles klargestellt. Das Weitere ist Kür. Und im letzten Stück des Albums, dem fast zehnminütigen „Herbstwind“ verwandeln sich die Fehlfarben in Riders on the Storm, ehe ein Fortunaschal den schönen Spuk beiseite fegt. Es ist wunderbar, wenn es eine Band nach über 30 Jahren noch versteht, den Hörer derart zu überraschen.

„Das Frühwerk am Hals wie ein Mühlstein“ lautet eine Textzeile aus dem Stück „TCM (Polychemie)“. Für die Fehlfarben ist es vermutlich auch ein Fluch, bereits in früher Jugend das altersweise Über-Album „Monarchie und Alltag“ geschaffen zu haben. Würden wir uns unserer Sentimentalität entledigen können, welche wir so gerne speisen, indem wir die alte schöne Schallplatte aus dem Jahr 1980 nochmals auflegen, so könnten wir den Fehlfarben vielleicht den Mühlstein vom Halse entfernen – doch das ist eine Utopie, die dann zu der Band und ihren Texten, welche politisch und poetisch zugleich sind, auch nicht so recht passen würde. Die Fehlfarben sollten Monarchie & Alltag nicht als Mühlstein am Hals, sondern als Orden auf der Brust tragen, ebenso wie ihre anderen Alben, insbesondere ihr neues Werk Xenophonie, mit welchem sie wieder einmal einen der kitschigsten Mythen der Popmusik-Journaille widerlegt haben – nämlich denjenigen, dass Bands zwangsläufig mit andauerndem Fortbestehen langweiliger zu werden haben. Zu guter Letzt noch ein Anspieltipp von meiner Seite: der Titel „Hygieneporzellan“. Eine zärtlich-hymnische Ode an einen doch so wichtigen Gegenstand in jedem Haushalt: Die Toilette. Jan Müller (Tocotronic)

Musikexpress, ByteFM & die tageszeitung präsentieren Fehlfarben – Live 2012: